Die neue Hausarztliste Bremer Bündnis aktiver und unabhängiger Hausärzte
© Neue Hausarztliste Bremen | Vorsitz Dr. Thomas Liebsch, Großbeerenstraße 51, 28211 Bremen | info@neue-hausarztliste.de Datenschutz Impressum
"Uns reicht's"! Wäre der Ausstieg aus dem KV-System eine Alternative? Sind Korbmodelle, Vertragsgemeinschaften oder eine Hausarzt-KV ein Ausweg aus dem "Hamsterrad"? (Text aus Wahlaussendung 2016) Wie möchten Sie eigentlich arbeiten? Wir wünschen uns Zeit für unsere Patienten, damit wir uns auch menschlich ihnen auseinandersetzen können. Wir wollen uns auf unsere ärztliche bzw. therapeutische Arbeit konzentrieren können und dabei möglichst unbelastet von Bürokratie und Buchhaltung sein. Patienten sollten nur dann den Arzt aufsuchen (müssen), wenn sie wirklich krank sind. Bei der Dokumentation würden wir uns gerne auf das medizinisch notwendige beschränken. Um auskömmlich von unserer Arbeit leben zu können, sollte die Qualität unserer Versorgung und nicht die Menge der "durchgeschleusten" Patienten ausschlaggebend sein. So oder so ähnlich würden sicher die meisten die Eingangsfrage beantworten. Nun sieht unsere berufliche Realität leider oft anders aus. Viele Kollegen klagen über den starken Einfluss der Krankenkassen und eine bürokratische Regelungswut, die gern den Kassenärztlichen Vereinigungen zugeschrieben wird. Manchmal hat man den Eindruck, dass wir unser Einkommen eher durch ein "Upcoding" der Diagnosen als durch gute medizinische Versorgung verbessern können. Obendrein wird die Verteilung der Honorare innerhalb der Ärzteschaft von vielen als ungerecht empfunden. Auch wenn die meisten Ärgernisse sicher politischen Entscheidungen und nicht der Selbstverwaltung zuzuschreiben sind, wird in der öffentlichen Debatte ein ganzer oder teilweiser "Ausstieg" aus dem "KV-System" als Königsweg zu einer besseren Zukunft beschrieben. Dabei werden verschiedene Möglichkeiten verfolgt: Das "Korbmodell": Über eine massenhafte gemeinsame Rückgabe der Kassenarztzulassungen sollte ein Umstieg auf ein generelles Kostenerstattungsverfahren erzwungen werden. So sollte niemand mehr "unbezahlte" Leistungen erbringen müssen. Allerdings kamen selbst in Bayern, wo mit zahlungskräftigen Kassenpatienten gerechnet werden könnte, niemals genug Rückgabewillige zusammen. In ärmeren Teilen Deutschlands gehen viele Ärzte offenbar nicht davon aus, dass ihre Kassenpatienten in der Lage sind, die Kosten der ärztlichen Versorgung im jetzigen Umfang vorzustrecken. Selektivverträge: Berufsverbände (bzw. von diesen gegründete Vertragsgemeinschaften) oder Ärztegenossenschaften übernehmen den Versorgungsauftrag und rechnen mit einzelnen Krankenkassen die Honorare ihrer Mitglieder direkt ab. Musterbeispiele sind die Hausarztverträge der HÄVG in Bayern und Baden-Württemberg. Das ist vor allem für die Verbände äußerst lukrativ, können sie doch Pauschalen kassieren, während die unangenehmen Kontroll- und Verwaltungsaufgaben trotzdem bei den KVen bleiben. Die Ärzte müssen daher allerdings sowohl die Verbände als auch die KV weiter aus ihrem Honorar finanzieren. Auch vor Regressen schützen die Selektivverträge nicht: So erwirkte die AOK Bayern Millionenrückzahlungen von Teilnehmern der dortigen Hausarztverträge. "Hausarzt-KV": Auch wer nicht ganz aus dem System aussteigen möchte, sieht gern in der Aufteilung der Versorgungsbereiche die Wurzeln seiner Misere. So wird von starken Verbänden sowohl unter den Hausärzten als auch den Fachärzten gern gegeneinander polemisiert und eine weitgehende Spaltung der Selbstverwaltung in eine hausärztliche und eine fachärztliche KV gefordert. Die Forderung nach einer Spaltung der KVen verkennt, dass sich die Interessenlagen innerhalb der Ärzteschaft nur selten entlang der Grenze der haus- und fachärztlichen Versorgungsbereiche trennen lassen. In beiden Lagern gibt es Gewinner und Verlierer des Systems. Auch sind seit Jahren die Honorarkonten der Haus- und Fachärzte in allen KVen strikt und transparent getrennt. An Abstimmungen, die nur einen Bereich betreffen, beteiligen sich auch jetzt nur dessen Vertreter. In der KBV muss nach der neuesten Gesetzeslage sogar durch Stimmgewichtung eine rechnerische Haus-/Facharzt-Parität hergestellt werden. Was die Kritiker des "KV-Systems" nicht beantworten können: Warum sollten einzelne Gruppen von Ärzten in Verhandlungen mit den Krankenkassen über die Höhe des Gesamthonorars und die Rahmenbedingungen bessere Ergebnisse erzielen können als die KVen? Je größer die Ärztegruppe und je komplexer das Gesamtpaket, desto mehr Druck kann auf die Kassen ausgeübt werden! Ausnahmen bilden höchstens kleine hochspezialisierte Arztgruppen und politische Sondersituationen wie bei den Hausarztverträgen im Süden. Insgesamt würden nach einem Ende der gemeinsamen KVen auf Ärzteseite nur viele kleine Verhandlungspartner immer weiter fusionierenden Kassen mit völlig unveränderter Interessenlage gegenüber stehen. Solange es obendrein bei keiner politischen Partei den Willen zu einer grundsätzlichen Veränderung des ambulanten Versorgungssystems in Deutschland gibt, haben wir Ärzte auch in der Politik keine verlässlichen Partner. Der sehnsüchtig-idealisierende Wunsch gerade vieler Hausärzte, sich den Primärarztsystemen der Niederlande oder Skandinaviens anzunähern, wo ja alles (vor allem für die Ärztin und den Arzt) besser sei, ist vor diesem Hintergrund völlig unrealistisch. Wir glauben, dass es derzeit in unserem eigenen Interesse keine Alternative zur Vertretung der Ärzte und Psychotherapeuten in den gemeinsamen Kassenärztlichen Vereinigungen gibt. Das heißt jedoch nicht, dass diese nicht besser werden können! Sie haben es in der Hand - durch die demokratische Wahl Ihrer Vertreterinnen und Vertreter in der KV.
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"Uns reicht's"! Wäre der Ausstieg aus dem KV-System eine Alternative? Sind Korbmodelle, Vertragsgemeinschaften oder eine Hausarzt-KV ein Ausweg aus dem "Hamsterrad"? (Text aus Wahlaussendung 2016) Wie möchten Sie eigentlich arbeiten? Wir wünschen uns Zeit für unsere Patienten, damit wir uns auch menschlich ihnen auseinandersetzen können. Wir wollen uns auf unsere ärztliche bzw. therapeutische Arbeit konzentrieren können und dabei möglichst unbelastet von Bürokratie und Buchhaltung sein. Patienten sollten nur dann den Arzt aufsuchen (müssen), wenn sie wirklich krank sind. Bei der Dokumentation würden wir uns gerne auf das medizinisch notwendige beschränken. Um auskömmlich von unserer Arbeit leben zu können, sollte die Qualität unserer Versorgung und nicht die Menge der "durchgeschleusten" Patienten ausschlaggebend sein. So oder so ähnlich würden sicher die meisten die Eingangsfrage beantworten. Nun sieht unsere berufliche Realität leider oft anders aus. Viele Kollegen klagen über den starken Einfluss der Krankenkassen und eine bürokratische Regelungswut, die gern den Kassenärztlichen Vereinigungen zugeschrieben wird. Manchmal hat man den Eindruck, dass wir unser Einkommen eher durch ein "Upcoding" der Diagnosen als durch gute medizinische Versorgung verbessern können. Obendrein wird die Verteilung der Honorare innerhalb der Ärzteschaft von vielen als ungerecht empfunden. Auch wenn die meisten Ärgernisse sicher politischen Entscheidungen und nicht der Selbstverwaltung zuzuschreiben sind, wird in der öffentlichen Debatte ein ganzer oder teilweiser "Ausstieg" aus dem "KV-System" als Königsweg zu einer besseren Zukunft beschrieben. Dabei werden verschiedene Möglichkeiten verfolgt: Das "Korbmodell": Über eine massenhafte gemeinsame Rückgabe der Kassenarztzulassungen sollte ein Umstieg auf ein generelles Kostenerstattungsverfahren erzwungen werden. So sollte niemand mehr "unbezahlte" Leistungen erbringen müssen. Allerdings kamen selbst in Bayern, wo mit zahlungskräftigen Kassenpatienten gerechnet werden könnte, niemals genug Rückgabewillige zusammen. In ärmeren Teilen Deutschlands gehen viele Ärzte offenbar nicht davon aus, dass ihre Kassenpatienten in der Lage sind, die Kosten der ärztlichen Versorgung im jetzigen Umfang vorzustrecken. Selektivverträge: Berufsverbände (bzw. von diesen gegründete Vertragsgemeinschaften) oder Ärztegenossenschaften übernehmen den Versorgungsauftrag und rechnen mit einzelnen Krankenkassen die Honorare ihrer Mitglieder direkt ab. Musterbeispiele sind die Hausarztverträge der HÄVG in Bayern und Baden-Württemberg. Das ist vor allem für die Verbände äußerst lukrativ, können sie doch Pauschalen kassieren, während die unangenehmen Kontroll- und Verwaltungsaufgaben trotzdem bei den KVen bleiben. Die Ärzte müssen daher allerdings sowohl die Verbände als auch die KV weiter aus ihrem Honorar finanzieren. Auch vor Regressen schützen die Selektivverträge nicht: So erwirkte die AOK Bayern Millionenrückzahlungen von Teilnehmern der dortigen Hausarztverträge. "Hausarzt-KV": Auch wer nicht ganz aus dem System aussteigen möchte, sieht gern in der Aufteilung der Versorgungsbereiche die Wurzeln seiner Misere. So wird von starken Verbänden sowohl unter den Hausärzten als auch den Fachärzten gern gegeneinander polemisiert und eine weitgehende Spaltung der Selbstverwaltung in eine hausärztliche und eine fachärztliche KV gefordert. Die Forderung nach einer Spaltung der KVen verkennt, dass sich die Interessenlagen innerhalb der Ärzteschaft nur selten entlang der Grenze der haus- und fachärztlichen Versorgungsbereiche trennen lassen. In beiden Lagern gibt es Gewinner und Verlierer des Systems. Auch sind seit Jahren die Honorarkonten der Haus- und Fachärzte in allen KVen strikt und transparent getrennt. An Abstimmungen, die nur einen Bereich betreffen, beteiligen sich auch jetzt nur dessen Vertreter. In der KBV muss nach der neuesten Gesetzeslage sogar durch Stimmgewichtung eine rechnerische Haus-/Facharzt-Parität hergestellt werden. Was die Kritiker des "KV-Systems" nicht beantworten können: Warum sollten einzelne Gruppen von Ärzten in Verhandlungen mit den Krankenkassen über die Höhe des Gesamthonorars und die Rahmenbedingungen bessere Ergebnisse erzielen können als die KVen? Je größer die Ärztegruppe und je komplexer das Gesamtpaket, desto mehr Druck kann auf die Kassen ausgeübt werden! Ausnahmen bilden höchstens kleine hochspezialisierte Arztgruppen und politische Sondersituationen wie bei den Hausarztverträgen im Süden. Insgesamt würden nach einem Ende der gemeinsamen KVen auf Ärzteseite nur viele kleine Verhandlungspartner immer weiter fusionierenden Kassen mit völlig unveränderter Interessenlage gegenüber stehen. Solange es obendrein bei keiner politischen Partei den Willen zu einer grundsätzlichen Veränderung des ambulanten Versorgungssystems in Deutschland gibt, haben wir Ärzte auch in der Politik keine verlässlichen Partner. Der sehnsüchtig-idealisierende Wunsch gerade vieler Hausärzte, sich den Primärarztsystemen der Niederlande oder Skandinaviens anzunähern, wo ja alles (vor allem für die Ärztin und den Arzt) besser sei, ist vor diesem Hintergrund völlig unrealistisch. Wir glauben, dass es derzeit in unserem eigenen Interesse keine Alternative zur Vertretung der Ärzte und Psychotherapeuten in den gemeinsamen Kassenärztlichen Vereinigungen gibt. Das heißt jedoch nicht, dass diese nicht besser werden können! Sie haben es in der Hand - durch die demokratische Wahl Ihrer Vertreterinnen und Vertreter in der KV.
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